Ehrlich? Ich habe Angst, gewöhnlich zu werden

Und ich glaube, viele Menschen auch

Ich rede nicht oft darüber aber ich habe schon mein ganzes Leben Angst davor, gewöhnlich zu werden.

Dabei geht es nicht ums scheitern, alles zu verlieren oder öffentlich zu versagen, sondern einfach durchschnittlich zu enden.

Ein solides Leben - jeder hat eine andere Definition. Ein vernünftiger Weg, ein stabiles Einkommen, ein bisschen Fortschritt hier, ein bisschen Optimierung da. Ich bin zufrieden und alles ist in Ordnung, was viele Jahre nicht der Fall war.

Und genau das macht mir manchmal Angst.

Weil „in Ordnung“ nicht das war, wovon ich früher geträumt habe.

Von außen betrachtet läuft mein Leben.

Ich habe Verantwortung, eine Familie, einen strukturierten Alltag. Ich arbeite, ich trainiere und entwickle mich weiter. Es gibt keine offensichtliche Krise und kein Drama.

Aber es gibt Momente, in denen ich mich frage, ob Stabilität langsam zur Selbstberuhigung wird.

Ob ich mich vielleicht an eine Version von mir gewöhne, die funktioniert aber nicht mehr wirklich brennt.

Und das ist eine unangenehme Frage, die sich viele stellen.

Stillstand fühlt sich selten wie Stillstand an.

Er fühlt sich an wie Sicherheit, Vernunft und Reife.
Man zahlt seine Rechnungen. Man kümmert sich. Man plant. Man optimiert. Man hält alles irgendwie zusammen. Wie ein Fels in der Brandung.

Und genau darin liegt die Gefahr.

Manchmal ist das, was wir „Stabilität“ nennen, nur perfekt organisierte Angst.
Angst, etwas zu riskieren, aufzufallen und wirklich etwas zu wollen was man tief spürt.

Manchmal frage ich mich, ob genau das die gefährlichste Form von Komfort ist.

Nicht der laute Absturz, sondern die leise Gewöhnung.

Glück im Kleinen

Früher hatte ich ein anderes Bild von Glück.

Ich war lange überzeugt, dass Glück sich riesig anfühlen müsse. Wie Erfolg, der sichtbar ist, beeindruckt und von außen bestaunt wird.

Ich dachte, es würde kommen, wenn ich genug erreicht habe. Wenn ich mir etwas aufgebaut habe. Wenn ich einen bestimmten Status erreicht habe. Wenn ich „mehr“ bin.

Und ironischerweise sind es heute Dinge, von denen ich nie gedacht hätte, dass sie mich tragen würden.

Ein Spaziergang am Abend mit meinem Hund.
Zwanzig Minuten einfach nur in der Stille verbringen mit leichter Musik.
Ein ruhiger Atemzug ohne Handy in der Hand.
Ein Moment mit meinem Sohn, in dem nichts optimiert werden muss.

Das sind keine spektakulären Dinge.

Früher hätte ich sie wahrscheinlich als nebensächlich abgetan und nicht geglaubt, dass es genau diese Dinge sind, die mir ein tiefes Gefühl von Freiheit und Zufriedenheit schenken würde.

Heute sind sie meine Säulen.

Es ist fast absurd.

Ich habe so viel Zeit damit verbracht, größer zu denken, schneller zu werden, effizienter zu funktionieren.

Und am Ende stabilisieren mich Dinge, die keinerlei Status bringen und auch nicht laut sind.

Kein Spaziergang bringt Applaus.
Keine Meditation erzeugt Anerkennung.
Niemand misst deine Fähigkeit, einfach präsent zu sein.

Aber genau diese Dinge halten mein Nervensystem zusammen.

Und vielleicht auch meine Identität.

Die Angst vor Mittelmaß ist real in der heutigen Zeit. Man sieht was möglich ist.
Aber ich habe gemerkt, dass sie oft aus einem falschen Bild von Bedeutung kommt.

Ich habe lange geglaubt, Bedeutung entsteht durch Leistung.

Heute merke ich: Bedeutung entsteht durch Bewusstheit.

Ich kann einen vollen Kalender haben und innerlich leer sein.
Ich kann produktiv sein und mich trotzdem entfremdet fühlen.
Ich kann liefern und trotzdem spüren, dass ich mich selbst verliere.

Und ich kann langsam gehen, tief atmen, still sitzen und mich dabei vollständiger fühlen als nach jedem erreichten Ziel.

Das ist die Ironie.

Erfolg hält nicht an, weil er nie dafür gedacht war, uns zu erfüllen sondern uns weiterzutreiben.

Erfolg ist flüchtig

Der Gipfel ist flüchtig, weil der Verstand sofort den nächsten sucht. Das Hochgefühl des Sieges, egal wie du ihn definierst, vergeht nicht, weil der Erfolg bedeutungslos war, sondern weil Leistung das Streben nur für einen kurzen Moment unterbricht und in dieser Pause schmecken wir Präsenz.

Oftmals ist als Glück des Gewinnens oft nur die Erleichterung, für einen Augenblick nichts mehr erreichen zu müssen. Doch unser Geist ist auf Bewegung programmiert; er fragt automatisch: „Was kommt als Nächstes?“

Deshalb kann kein äußerer Erfolg dauerhaft erfüllen, weil der Antrieb dahinter nie wirklich die Trophäe war, sondern die Hoffnung, eine innere Leere zum Schweigen zu bringen.

Wenn Menschen alles erreichen, was sie wollten, und trotzdem eine Lücke spüren, ist das kein Scheitern, sondern ein Erwachen.

Die Erkenntnis, dass Leistung den Ehrgeiz befriedigt, aber nicht die tiefsten Sehnsüchte des Herzens. Und genau dort beginnt die eigentliche Reise: weg vom Versuch, Ganzheit im Außen zu finden und hin zur Begegnung mit dem inneren Raum, der die ganze Zeit gesehen werden wollte.

Ich habe irgendwann verstanden, dass mein Nervensystem nicht auf Applaus reagiert und Erfolg reagiert. Ja, kurze Erleichterung und kurze Schmetterlinge im Bauch aber nach wenigen Minuten bis Stunden ist das Gefühl weg.

Mein Nervensystem reagiert auf Sicherheit, Rhythmus, Natur, Wiederholung, Präsenz und Struktur.

Es reagiert nicht auf Likes, Vergleiche oder künstlichen Druck von aussen.

Und trotzdem versuche ich manchmal noch, es mit Dingen zu füttern, die es gar nicht verarbeiten kann und erwische mich dabei mehr Input zu leisten, hier und da etwas zu optimieren und in eine Form der Selbstanalyse zu gehen.

Und dann wundere ich mich, warum ich müde werde.

Die Angst, gewöhnlich zu werden, hat zwei Seiten.

Die eine Seite ist gesund. Sie erinnert mich daran, dass ich wachsen will. Dass ich mich nicht komplett anpassen möchte. Dass ich lebendig bleiben will.

Die andere Seite ist vom Ego getrieben. Sie flüstert mir zu, dass ich sichtbarer, erfolgreicher, außergewöhnlicher sein muss, um wertvoll zu sein.

Und genau da wird es gefährlich.

Wenn ich versuche, nicht gewöhnlich zu sein, nur um mich größer zu fühlen, verliere ich die Verbindung zu dem, was mich wirklich trägt.

Und das sind inzwischen nicht mehr die großen Dinge.

Es sind die kleinen.

Ein Abendspaziergang ohne Ziel.

Ich hätte nie gedacht, dass ich so etwas brauche. Früher war Bewegung für mich Training. Es musste zielgerichtet, effizient und messbar sein um einen Zweck zu erfüllen, meine Leistung zu steigern und ein Ergebnis zu liefern, damit es überhaupt als wertvoll galt.

Heute ist Bewegung manchmal einfach nur Bewegung.

Ich laufe nicht, um schneller zu werden. Ich laufe, um mein System zu regulieren.

Ich gehe nicht, um Schritte zu sammeln. Ich gehe, um meine Gedanken zu sortieren.

Und ich sitze nicht still, um „besser“ zu werden. Ich sitze still, weil mein Körper irgendwann nicht mehr kann, wenn ich es nicht tue.

Das sind keine heroischen Gewohnheiten.

Aber sie haben mich stabiler gemacht als jedes ambitionierte Ziel.

Bewusstheit statt Leistung

Vielleicht besteht die wahre Gefahr nicht darin, gewöhnlich zu werden.

Vielleicht besteht sie darin, sich selbst nicht mehr zu spüren.

Ich kenne Menschen, die äußerlich alles erreicht haben und innerlich komplett abgeschnitten sind.

Und ich kenne Menschen mit einem einfachen, ruhigen Leben, die eine Klarheit ausstrahlen, die man nicht kaufen kann.

Gewöhnlich ist nicht gleich leblos.

Und außergewöhnlich ist nicht automatisch erfüllt.

Ich glaube inzwischen, dass es nicht darum geht, besonders zu wirken.

Es geht darum, bewusst zu leben.

Es geht darum, die Spannung auszuhalten zwischen Ambition und Zufriedenheit.

Ich will weiter wachsen, mich weiter entwickeln, YouTube und diesen Newsletter weiter ausbauen, mehr Menschen helfen und ich will mich nicht verstecken.

Aber ich will auch nicht so sehr wachsen, dass ich meine Basis verliere.

Und meine Basis sind inzwischen Dinge, über die ich früher gelächelt hätte.

Stille.
Natur.
Struktur.
Wiederholung.
Familie.

Ich merke, dass ich ins Mittelmaß abrutsche, sobald ich nur noch funktioniere und wie früher, Zielen hinterherjage, in der Hoffnung, dort würde endlich so etwas wie Erlösung auf mich warten.

Wenn ich reagiere statt gestalte.
Wenn ich konsumiere statt kreiere.
Wenn ich mich vergleiche statt verbinde.

Und ich merke, dass ich lebendig bin, wenn ich mich traue, ehrlich zu sein.

Ehrlich über meine Angst und meine Sehnsüchte und ehrlich darüber, dass ich manchmal mehr will und gleichzeitig weiß, dass „mehr“ nicht die Lösung ist.

„Die Kunst liegt nicht darin, alles zu erreichen, sondern alles so zu sehen, wie es ist – unvollständig und doch vollkommen.“

Vielleicht ist die Angst, gewöhnlich zu werden, gar kein Problem und eher ein Hinweis darauf, dass ich mir selbst wichtig bin und das ich nicht einfach nur existieren will.

Vielleicht ist außergewöhnlich die Fähigkeit, sich nicht zu verlieren, bei sich zu blieben während die Welt immer schneller wird.

Die Fähigkeit, Erfolg nicht über die eigene Nervosität zu stellen.

Ehrlich?
Ja, ich habe Angst, gewöhnlich zu werden.

Aber ich habe inzwischen mehr Angst davor, mich selbst wieder zu verlieren.

Und wenn ich wählen muss zwischen einem spektakulären Leben ohne innere Verbindung und einem ruhigen Leben mit Klarheit, dann weiß ich inzwischen, was mich wirklich trägt.

Vielleicht geht es nicht darum, außergewöhnlich zu sein sondern einfach wach zu bleiben.

Und damit meine ich nicht, ständig nach Gefahr Ausschau zu halten, sondern aufmerksam zu sein für die kleinen Dinge, die eigenen Signale wahrzunehmen und offen zu bleiben für alles, was dir innere Ruhe und Zufriedenheit schenkt.

Wann hast du das letzte Mal gespürt, dass dich etwas Kleines mehr erfüllt hat als etwas Großes?

Und wenn du ehrlich bist:
Wovor hast du wirklich Angst: vor Mittelmaß oder davor, dich selbst nicht mehr zu spüren?

Dein Christian