Die Lüge, die wir uns erzählen, wenn das Leben schwer wird

Wenn wir uns selbst im Weg stehen

„Irgendwo anders wäre es besser.“
Dieser Gedanke hat mich Jahre gekostet – Beziehungen, Präsenz, inneren Frieden.
Hier ist die Wahrheit, die ich erst mit 40 wirklich verstanden habe.

Vor ein paar Tagen stand ich einfach nur in meiner Küche. Tee in der Hand. Eigentlich auf dem Sprung. Und plötzlich war ich gedanklich nicht mehr im Raum.

Ich merkte, wie mein Kopf wieder mal woanders war – nicht im Jetzt, nicht hier, nicht mit mir. Und ich fragte mich: Warum bin ich nie wirklich präsent?

Es ist ein Muster in meinem Leben, das mir erst in den letzten Jahren sehr bewusst geworden ist.

Wenn das Jetzt unbequem wird – genau dann suche ich den sofortigen Ausweg.

Ich weiß nicht, wie oft es mir in meinem Leben passiert ist, dass, sobald etwas schwer wurde, unangenehm, unsicher, nicht so lief, wie ich es in meinem Kopf perfekt geplant hatte… ich sofort nach einem Ausweg gesucht habe.

Und das Fatale?

Ich fand einen. Fast immer.

Ein neuer Job. Ein neues Projekt. Ein neuer Ort. Eine neue Hoffnung.

Aber jeder Ausweg brachte ein anderes Problem mit sich.

Anders verpackt. Neuer Anfang, gleiche Dynamik.

Und kaum tauchte die erste Reibung auf, suchte mein Kopf wieder etwas Neues. Etwas, das mich retten sollte. Etwas, das mich „endlich ankommen“ lassen würde.

Eine wunderbare Abwärtsspirale.

Und jedes Mal endete ich wieder dort, wo ich angefangen hatte: Im Außen suchend, während die eigentliche Antwort die ganze Zeit in mir lag.

Das ist das Brutale an solchen Mustern: Sie offenbaren mehr über einen selbst, als einem lieb ist.

Die nostalgische Flucht in die Vergangenheit

Wenn die Gegenwart mir zu schwer wurde, bin ich oft in Erinnerungen geflüchtet.

In Zeiten, die ich heute als „leichter“ romantisiere. In Versionen von mir, die angeblich stärker, mutiger, freier waren.

Aber wenn ich ehrlich bin: Auch damals war vieles schwer. Auch damals war ich oft überfordert. Ich erinnere mich nur an die sonnigen Stellen – an das Licht, nicht an den Schatten.

Nostalgie an sich ist nicht schlecht – wenn sie nur ab und zu aufkommt.
Aber wie oft wird sie zu einem Ort, an den man sich zurückzieht?

Aber es ist eine Illusion. Ein Rückzug aus der Wirklichkeit.

Wenn die Vergangenheit nicht reicht – erfinde ich die perfekte Zukunft

Und wenn meine Erinnerungen mich nicht mehr beruhigten, sprang mein Kopf automatisch woanders hin: In die Zukunft.

„Wenn wir endlich umziehen, wird alles besser.“

„Wenn der Stress nachlässt, dann kann ich aufatmen.“

„Wenn meine Schulter verheilt ist, dann fühle ich mich wieder wie ich selbst.“

„Wenn ich das Business richtig aufgebaut habe, kommt endlich Ruhe rein.“

Die berühmte „Nächste Sache wird’s lösen“-Illusion.

Es fühlt sich rational an. Es klingt nach Plänen, Zielen, Ambitionen. Aber es ist nur eine weitere Flucht.

Ein Weg, dem Jetzt auszuweichen. Ein Versuch, Kontrolle zu gewinnen über das, was man gerade nicht fühlen will.

Psychologisch betrachtet ist es ein sehr klarer Mechanismus

Was ich beschreibe, ist nicht ungewöhnlich. Aber es ist ein Muster, das kaum jemand offen ausspricht.

Es besteht aus drei Punkten:

1. Flucht aus dem Jetzt – Erfahrungsvermeidung

Wenn der Moment schwer wird, springt der Kopf weg.

Nach hinten. Nach vorne. Hauptsache nicht hier.

Ein Schutzmechanismus, der oft in Zeiten entsteht, in denen man gelernt hat:

„Jetzt ist gefährlich. Jetzt ist zu viel. Jetzt ist nicht sicher.“

2. Zukunftsidealisierung – Das „Nächste Ding“ wird mich retten

Die Hoffnung, dass irgendwo da draußen ein Ort existiert, an dem alles leichter ist. Und dass man ihn nur noch erreichen muss.

Dieses Muster hält einen jahrelang in Bewegung – aber nie wirklich im Leben.

3. Nostalgische Dissoziation

Die Vergangenheit wird weichgezeichnet. Ein Rückzugsort, der nur noch aus Licht besteht. Ein emotionales Überlebenswerkzeug.

Was all diese Mechanismen zusammenhält?

Eine unbewusste Überzeugung: „Der jetzige Moment ist nicht sicher.“

Nicht sicher genug, um ihn zu fühlen. Nicht stabil genug, um in ihm zu verweilen. Nicht vertraut genug, um ihn wirklich anzunehmen.

Es ist keine Charakterschwäche. Keine Disziplinlosigkeit. Keine Unentschlossenheit.

Es ist ein Nervensystem-Muster, das dich schützen will.

Nur eben auf eine Art, die langfristig zerstörerisch ist.

Der wahre Preis dieses Musters

Es ist nicht die Flucht selbst. Nicht das Träumen. Nicht das Erinnern.

Sondern:

Man verpasst sein eigenes Leben, während es passiert.

Ich habe Momente verpasst. Tage. Monate. Energie. Nähe. Dankbarkeit. Erfahrungen.

Und vor allem innere Zufriedenheit.

Weil ich gedanklich nie dort war, wo mein Körper war.

Weil mein Kopf immer dachte, „Irgendwo anders wäre es besser.“

Die einzige Wahrheit, die mich wirklich befreit hat

Ich suchte jahrelang im Außen. In Orten. In Jobs. In Menschen. In Projekten. In Möglichkeiten. In Zukunftsvisionen. In Dingen.

Aber die Ruhe, die ich suchte, lag nie dort.

Sie lag in mir. Nur eben unter Schichten von Angst, Druck, Erwartungen und alten Mustern.

Ich musste lernen: Der Frieden, den du suchst, ist ein innerer Zustand – kein äußerer Umstand.

Und das verändert gerade alles.

Heute übe ich etwas anderes: Zurückkehren. Immer wieder

Wenn mein Kopf flüchten will, frage ich mich:

„Was ist jetzt gerade gut?“

„Was will dieser Moment mir zeigen?“

„Was kann ich heute tun, statt irgendwo anders leben zu wollen?“

Es ist Training. Bewusstsein. Heilung.

Und es funktioniert.

Nicht perfekt. Aber immer öfter.

Frage an dich:

Wohin flüchtest du, wenn das Jetzt schwer wird? In die Vergangenheit – oder in die Fantasie der Zukunft?

Schreib mir. Ich lese jede Antwort.

Danke, dass du hier bist.

Dein Christian