Das Leben wird breiter

Und die meisten merken es erst, wenn es zu spät ist

An den meisten Wochentagen stehen meine Frau und ich ziemlich früh auf. Gegen 5 Uhr morgens gießt sie sich ihren Kaffee ein, ich verschwinde für 30 Minuten in meinem Büro, schreibe ein wenig, manchmal dehne ich mich und höre dabei Musik.

Egal wie das Wetter ist, wir gehen jeden Morgen eine Runde mit unserem Hund. Manchmal reden wir über den Tag oder darüber, wohin wir bald reisen. Oder über etwas, das uns gerade beschäftigt – Arbeit, Leben, Sport, unseren Sohn. An anderen Tagen ist es einfach nur still und wir schauen unserem Hunden dabei zu, wie er Vögel oder Hasen jagt oder alles andere, was sich auf dem Park bewegt.

Vor ein paar Wochen haben wir darüber gesprochen, wie weit weg viele Freunde und Teile unserer Familien mittlerweile von uns leben. Nicht eine Stunde Autofahrt entfernt, sondern ein transatlantischer Flug.

Und plötzlich wurde mir klar, wie sehr sich das Leben verändert hat. Früher war Nähe selbstverständlich. Heute braucht Nähe Planung, ein Zeitfenster, Geld und Energie.

Manchmal vermisse ich nicht einmal die Orte oder die Vergangenheit selbst.
Ich vermisse einfach, wie leicht Verbindung früher war.

Wenn wir das in diesem Moment nicht erwähnt hätten, wäre es wahrscheinlich den ganzen restlichen Tag nicht mehr aufgekommen. Mittags hätte das nicht passieren können. Dann ist einfach zu viel los. Und abends wahrscheinlich auch nicht. Dann sind wir beide zu müde und es ist Familienzeit.

Es passierte morgens, auf unserer Runde, weil das die einzige Zeit ist, die wirklich nur uns gehört. Kein Handy, keine emails, keine Aufgaben.

Diese Zeit müssen wir bewusst beschützen. Aber das war nicht immer so.

Und genau deshalb liebe ich Triathlon.
Drei Mal pro Woche schwimme ich um 6 Uhr morgens. Wenn ich laufe oder auf meinem Trainer in der Garage sitze, bin ich komplett da. Kein Multitasking, keine Ablenkung, keine äußeren Anforderungen. Nur Atmung, Bewegung, Rhythmus. Für diese Zeit existiert nichts anderes.

Das Leben war klein genug, um es zu überblicken

Unsere erste gemeinsame Wohnung war eine 50-Quadratmeter-Wohnung in einem kleinen Stadtteil in Los Angeles. Die Dielenböden haben ständig Geräusche gemacht und es kam nicht nur einmal vor, dass unser Nachbar unten mit einem Besenstiel gegen die Decke geschlagen hat. Der Verkehrslärm von Los Angeles war schon früh morgens zu hören. Nebenan wurden oft Partys gefeiert. Der Balkon hatte immer eine dicke Schicht von Staub und Dreck.

Und das Nervigste war, dass eine 75-jährige Vermieterin völlig unregelmäßig und ohne Vorwarnung an unserer Tür klopfte, weil unsere Schuhe vor der Wohnung standen oder weil sie dachte, wir hätten zu viele Leute zu Besuch.

Der Glanz des Lebens in Los Angeles…

Damals haben wir uns oft über all das beschwert. Heute ist das anders. Immer wenn wir über die glücklichsten Zeiten unseres Lebens sprechen, kommen diese Jahre seltsamerweise immer wieder hoch.

Lange dachte ich, das läge daran, dass wir jünger waren, in der verrückten Stadt von Los Angeles lebten und wir das erste Mal Geld hatten. Aber ich glaube nicht, dass das der ganze Grund für diese Nostalgie ist.

Was mir aus dieser Zeit fehlt, ist, wie wenig Anstrengung es gebraucht hat, präsent zu sein. Wie schmal unser Leben war.

Wir haben beide gearbeitet. Ich kam meistens früher nach Hause, sie etwas später. Danach war es oft selbstverständlich: etwas essen gehen, weil das Essen in Los Angeles einfach zu gut war, oder spontan irgendwo in der Stadt landen, mit Freunden treffen, am Strand sitzen oder einfach durch die Gegend fahren, ohne wirklich einen Plan zu haben. Und alle paar Monaten sind wir irgendwo hingereist.

Das Leben war klein genug, dass ich sogar ungefähr wusste, was gerade im Kühlschrank ist und wie sich unsere Woche wahrscheinlich entwickeln würde, ohne dass man es groß erklären musste.

Dafür brauchte es keine Systeme oder ein irgendwelche Optimierungs-apps.

Vor ein paar Wochen verbrachte ich den ganzen Tag in meinem Büro, ohne einmal nach unten zu gehen. Wir waren im selben Haus und haben uns den ganzen Tag nicht gesehen. In Los Angeles wäre das physisch unmöglich gewesen. Heute passiert das einfach.

Alles wurde irgendwie breiter

Auch unser 3-Tage-Trip nach Breckenridge hat uns daran erinnert, wie viel Raum entsteht, wenn nichts „zu erledigen“ ist.

Wir hatten plötzlich einfach Zeit. Keine Termine, keine E-Mails, keine kleinen offenen Schleifen im Kopf. Nur Tage, die sich langsam entfalten durften. Wir waren teilweise erstaunt wieviel Zeit wir hatten und es war nicht schon plötzlich 19 Uhr.

Ein Morgen bleibt mir besonders hängen: ich bin früh losgelaufen, durch diese unglaubliche Landschaft, mit Blick auf schneebedeckte 4000-Meter-Berge. Alles war still, klar, fast surreal. Keine Menschenseele. Ein paar Tage später eine Radtour, die mich ehrlich gesagt sprachlos gemacht hat.

Und das Verrückte war: nichts davon musste irgendwo hinpassen. Kein „danach noch schnell etwas erledigen“. Keine Erledigungen, kein Druck, kein Ziel im Hintergrund.

Einfach nur sein.

Wir haben geschlafen, wenn wir müde waren. Am Pool gelegen. Durch die Main Street geschlendert. Eis gegessen, ohne darüber nachzudenken. Und genau in dieser Einfachheit wurde uns wieder klar, wie selten das eigentlich geworden ist.

Wie gut es tut, wenn das Leben für einen Moment wieder klein wird.

Das Leben, das wir heute haben, ist in fast jeder Hinsicht besser. Das weiß ich und dafür bin ich dankbar. Aber irgendwo auf dem Weg wurde unser Leben zu breit, um noch darüber hinwegsehen zu können.

Es gibt mehr Menschen denn je, denen man antworten oder von denen man hören muss. Mehr Kalender, die koordiniert werden müssen. Ein kleines „Ja“ heute wird zu einer Verpflichtung in drei Monaten. Eine kurze E-Mail führt zur nächsten Sache und dann zur nächsten. Dazu kommen Gruppenchats, Slack-Nachrichten und ab und zu auch Geschäftsreisen.

Mein YouTube Kanal und dieser Newsletter verlangt einiges ab von mir. Ich liebe es aber es nimmt sehr viel Zeit in Anspruch. Wir mussten eine neue Kita für meinen Sohn finden. Unsere Freunde leben über verschiedene Zeitzonen verteilt.

Einige dieser Dinge würde ich nicht einmal als „Problem“ bezeichnen. Und selbst wenn doch, sind sie meistens irgendwie handhabbar. Aber zusammengenommen verlangen sie mehr Aufmerksamkeit, als unser Gehirn eigentlich geben kann. Das Ergebnis ist, dass unsere Aufmerksamkeitsspanne und unsere Tage, sich so schnell füllen, dass die Menschen, die uns am nächsten stehen, irgendwann nur noch die Reste bekommen.

Ich habe das vor ein paar Monaten in einem Restaurant hier in der Stadt beobachtet. Das Paar Mitte vierzig am Nebentisch saß beide am Handy, während das Essen zwischen ihnen kalt wurde. Ich verurteile das nicht. Ich erkenne mich darin wieder. Meine Frau und ich saßen auch schon einander gegenüber und waren gedanklich komplett woanders – wegen Arbeit, Familie, unserem Hund oder einfach dem Leben.

Natürlich ist das Handy die einfache Erklärung. Technologie eben. Aber eigentlich geht es nicht ums Handy. Es geht darum, wie viele Dinge gleichzeitig um unsere Aufmerksamkeit kämpfen. Wenn die Stimmen, Benachrichtigungen und Signale laut, schnell und permanent kommen, verlieren irgendwann selbst die Menschen direkt vor dir.

Der Teil, den wir verteidigen

Vor ein paar Jahren haben meine Frau und ich deshalb eine Entscheidung getroffen.

Wir haben beschlossen, dass der Morgen unsere Zeit ist. Kein Handy, keine To-do Listen. Einfach nur pure Präsents. Für uns hat die Außenwelt zu dieser Zeit noch nicht begonnen und wir lassen sie erst rein, wenn wir bereit sind.

Es klingt nicht nach viel. Vielleicht 30-45 Minuten an den meisten Tagen. Aber es ist der Teil des Tages, an dem wir wirklich aufeinander fokussiert sind. Wo wir uns austauschen, über wichtige Dinge sprechen und unsere Pläne besprechen. Der Teil des Tages, an dem wir über auch einfach mal die Natur wahrnehmen, die Jahreszeiten und unseren Hund beim Laufen sehen. An einem normalen Nachmittag oder Abend wäre irgendetwas dazwischengekommen oder wir wären abgelenkt gewesen.

Die Morgen sind anders geworden. Sie erinnern mich an unser altes Leben in Los Angeles. Das Leben, das klein genug war, um es wirklich zu sehen und klein genug, um wirklich darin zu sein, ohne dass der Kopf ständig woanders ist.

Früher mussten wir das nicht bewusst tun. Heute schon. Also tun wir es.

Das Fazit

Ich sitze nicht da und sehne mich nach dieser alten Wohnung oder dem lauten Nachbarn oder danach, jünger, naiver und ärmer zu sein. Ich vermisse einfach, wie leicht es damals war, der Person direkt neben mir wirklich Aufmerksamkeit zu schenken.

Aber die Realität ist: Das Leben wird meistens breiter, ob man will oder nicht. Man sammelt mehr Menschen, mehr Verpflichtungen und mehr Dinge, die um dieselbe Aufmerksamkeit konkurrieren, je älter man wird. Deshalb ist der beste Weg, den ich gefunden habe, ein kleines Zeitfenster auszuwählen und es zu beschützen. Für uns ist das ungefähr eine Stunden, unsere Runde und sonst nicht viel.

Es klingt nicht nach viel. Aber für mich ist es alles, was es wert ist, beschützt zu werden.

Deshalb meine Frage diese Woche:

Welchen Teil deines Lebens beschützt du jeden Tag wirklich mit deiner vollen Aufmerksamkeit?

Wenn dir nichts einfällt, hast du wahrscheinlich keinen. Und wenn doch, dann ist das Beste, was du tun kannst, genau diesen Teil weiter zu verteidigen.

Antworte mir gerne!

Eine ruhige Woche!

Dein Christian